Dipl.-Ing. Karl Mertens
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Naturnahe Regenwasserbewirtschaftung

Regenwasser ist ein kostbares Gut. Es lässt Pflanzen gedeihen, füllt die Grundwasservorräte
auf und beeinflusst das Klima positiv. Es kann aber auch Wege wegschwemmen, Keller über-
fluten und zu Hochwässern anschwellen.Schon seit mehreren tausend Jahren haben die
Menschen deshalb versucht, durch technische Maßnahmen die Vorteile des Regenwassers
nutzbar zu machen und dessen Schädigungen in Grenzen zu halten.

In unseren Städten wurde zum Ende des 19. Jahrhunderts die Kanalisation errichtet, um das
Schmutz- und Regenwasser möglichst schnell und vollständig aus den Siedlungsgebieten
über die Kanalisation zu entfernen.

Die zunehmende Flächenversiegelung und die schnelle Ableitung des Regenwassers führen
jedoch zu den heute bekannten Problemen. Zunehmende Versiegelung bedeutet geringere
Grundwasserneubildung und Vermehrung der Oberflächenabflüsse, Ableitung über die
Kanalisation bedeutet eine starke Beschleunigung der Regenwasserabflüsse. Zusammen
mit der Begradigung der Bäche und Flüsse führt die fehlende Rückhaltung im Gelände und
Grundwasser zur Konzentration und Überlagerung von Abflussspitzen. So entstehen zuneh-
mend mehr Hochwasserereignisse in Gewässern, was nicht zuletzt stark zunehmenden
volkswirtschaftliche Kosten verursacht.

In den letzten 50 Jahren hat sich die Schere im Abflussregime dramatisch geöffnet: Waren
im Jahre 1950 lediglich 10% der Flächen in Deutschland versiegelt, so hat sich dieser
Anteil bis zum Jahr 2000 auf 20% verdoppelt. Zudem verschärfen die Auswirkungen der
klimatischen Veränderungen diese Tendenz: Durch die zunehmende Erwärmung nehmen
Starkregenereignisse zu, während parallel dazu Trockenperioden länger und ausgeprägter
werden.

Um diesen Tendenzen entgegenzuwirken, wurde in den letzten Jahren die naturnahe
Regenwasserbewirtschaftung weiterentwickelt und mit Erfolg angewandt.

 

Ziele der naturnahen Regenwasserbewirtschaftung

• Erhöhung der Grundwasserneubildung

• Verringerung der Niederschlagswasserabflüsse in den öffentlichen
Entwässerungsanlagen und den Gewässern

• Verlangsamung der Niederschlagswasserabflüsse

• Verringerung des Hochwasserrisikos

• Erreichung einer weitgehenden Nachhaltigkeit in der Wasserwirtschaft

• Verringerung der Investitions- und Betriebskosten

 

Wege der naturnahen Regenwasserbewirtschaftung

• Förderung der natürlichen und technischen Versickerung von Niederschlagswasser

• Förderung der Regenwassernutzung

• wo möglich, ortsnahe Einleitung von Niederschlagswasser in offene Gewässer

• Verlangsamung der Niederschlagswasserabflüsse, z. B. durch naturnah gestaltete 
Rinnen mit Hindernissen (z. B. grobe Steine) sowie Rückhalteanlagen in den
Entwässerungsanlagen

• Rückbau von ausgebauten Gewässern in den natürlichen oder naturnahen Zustand.
Dies bewirkt neben der Verlangsamung des Abflusses eine Zunahme an Pflanzen und
Tieren im Gewässerraum und damit eine Verbesserung der Selbstreinigungskräfte und
des Wiederbesiedlungspotentials im Gewässer

• Bewusstseinsbildende Maßnahmen zum nachhaltigen Umgang mit Niederschlagswasser

• Schaffung von Gebührenanreizen für Regenwassernutzung und -versickerung

 

Mögliche Maßnahmen für Betreiber von Entwässerungsanlagen

• Erstellen einer Versickerungspotentialkarte, die flächendeckend die Möglichkeiten
der Versickerung darstellt

• Bereiche darstellen und publizieren, in denen Versickerungsanlagen bestimmter
Bauart errichtet werden können

• Förderung der Entsiegelung, Regenwasserversickerung, Regenwassernutzung
und ortsnaher Einleitung in offene Gewässer

• objektbezogen lässt sich die Regenwasserbewirtschaftung vor Ort optimieren,
was sich häufig auch wirtschaftlich als Einsparung an Entwässerungsanlagen,
Rückhaltevolumina und Energieaufwand bezahlt macht

• Schaffung von Anreizen für Varianten der naturnahen Regenwasserbewirtschaftung
in der Entwässerungsgebührensatzung, Erleichterung bei der Befreiungen vom
Anschluss- und Benutzungszwang

• Öffentlichkeitsarbeit

 

Auswirkungen der naturnahen Regenwasserbewirtschaftung

Nach Untersuchungen der ITWH Hannover kann bei einem erreichten Abkoppelungsgrad
von 20 % eine Einsparvolumen an Rückhaltevolumen von 25 % erreicht werden.

Bei einem Modellprojekt in Hameln/Tündern konnten die Investitionskosten für die
Entwässerung durch ein umweltverträgliches Entwässerungskonzept um 66 % reduziert
werden.

Nach einer Untersuchung aus Berlin könnten in hochverdichteten Stadtteilen durch
flächendeckende Anwendung der Regenwassernutzung 7-12% des Trinkwassers ersetzt
werden, dabei könnten die jährlich abfließende Regenwassermenge in der Mischwasser-
kanalisation um 31% reduziert und die Spitzenabflüsse um 17-19% gekappt werden.